Was uns prägt: Warum Kindheit und Herkunft unsere Geschichten – und die von Romanfiguren – begleiten
Es ist leicht (aber leider auch ein bisschen naiv), zu glauben, dass wir unser Leben
ausschließlich aus dem heraus gestalten, was vor uns liegt.
Aus den Möglichkeiten, die sich uns bieten, aus dem Wunsch, etwas zu erreichen oder auch
hinter
uns zu lassen. Genauso sehr – und ich finde: wahrscheinlich sogar weit darüber hinaus –
ebnen
sich die Pfade, die wir für uns wählen, aus dem, was bereits in uns angelegt ist.
Was uns prägt, beginnt lange bevor wir Worte dafür haben, in einer Zeit, in der wir noch
nicht
einordnen können, was geschieht, und Erlebtes nicht hinterfragen, sondern als gegeben
annehmen.
Dabei sind es keineswegs immer die großen, lauten Erfahrungen, die sich in uns festsetzen
und
nachhallen, sondern die, die sich oft genug wiederholt haben – manchmal kaum bemerkt –, bis
sie
irgendwann zu uns gehören, ob wir wollen oder nicht.
Das kann ein Blick sein, der sich entzieht, ein Wort, das nicht oder zu viel ausgesprochen
wird,
oder auch ein Gefühl, das nicht den Raum bekommt, der ihm zusteht.
Als Kinder ziehen wir daraus unsere Schlüsse, ohne sie bewusst zu formulieren.
Wir lernen, ob wir uns bemerkbar machen und unsere Gefühle äußern dürfen, ob wir uns
anpassen
müssen, um dazuzugehören oder ob wir gesehen und gehalten werden, so wie wir sind.
All das wird Teil von uns und beeinflusst, wie wir später Entscheidungen treffen,
Beziehungen
führen und unser Leben gestalten. Nicht unbedingt als klare Erinnerung, auf die wir
jederzeit
Zugriff haben, sondern als innere Haltung, die sich nach außen übersetzt und das verborgene
Wissen darüber, wie die Welt funktioniert oder funktionieren könnte.
Wichtig daran ist: Egal wie tief diese Prägungen auch reichen, sind sie kein
unveränderliches
Schicksal.
Sie sind ein Ausgangspunkt.
In meinen Romanen stehen meine Figuren irgendwann – nicht unbedingt am Anfang der Geschichte
–
genau an dieser Wegkreuzung.
Auch sie tragen ihre Vergangenheit in sich, greifen auf Erfahrungen zurück, mit denen sie
groß
geworden sind, erinnern sich an Begegnungen, die Spuren hinterlassen, und an Momente, die
sie
gestärkt oder verunsichert haben.
Ob es sich dabei um Lucille aus Das kleine Café in der Rue de la
Lune handelt, die sich an
nichts und niemanden binden will und plötzlich erkennt, dass sie sich inmitten des Trubels
einsam fühlt,
um Eliza aus Das Herz der Toskana, die sich ganz und gar über
Leistung definiert und dabei
vergisst, dass es andere Attribute sind, die sie ausmachen,
oder um Anna aus Stürmische Hoffnung, die in eine
Gesellschaft hineingeboren wurde, die alles
für sie bereithält – und doch nichts, was sie tatsächlich erfüllt:
Sie alle finden sich an einem Punkt wieder, an dem sie spüren, dass es so nicht weitergehen
kann. Zum Glück!
Denn genau hier beginnt ihre eigentliche Entwicklung.
Sie werden nicht zu jemand völlig anderem, entledigen sich nicht ihrer Vergangenheit, kappen
nicht jede ihrer Wurzeln.
Stattdessen aber beginnen sie zu erkennen, woher ihre Art zu reagieren rührt,
was sie daran hindert, sich selbst oder anderen wirklich nahe zu sein und was
sie festhält, obwohl sie vielleicht längst hätten loslassen können.
Und wenn sie Glück haben, erhalten sie auf ihrer Reise nicht nur die Antworten auf all ihre
nie
gestellten Fragen, sondern lernen ebenso, dass es sich lohnt, einen Weg zu wählen, der sich
völlig abseits der längst ausgetretenen Pfade befindet.